AUFGESPIESST

Absolut hochrangigst!

Bin ich jetzt schon sprachgefühlsduselig? Heute Morgen (5.10.2016) las ich in der „Saarbrücker Zeitung“ einen aus zwei Agenturmeldungen gestrickten Artikel über den Besuch Sigmar Gabriels im Iran. Der iranische Parlamentspräsident Laridschani hat ein Treffen mit Gabriel abgesagt, weil der Bundeswirtschaftsminister den Iran aufgefordert hatte, das Existenzrecht Israels zu akzeptieren. Die Unter-Überschrift (also die Zeile unter der Schlagzeile) lautete: „Warum der hochrangigste Termin des Ministers in Teheran platzte“. Im Artikel taucht dann Laridschani als „hochrangigster Gesprächspartner“ Gabriels auf. Und etliche Zeitungen haben das ebenfalls unredigiert gedruckt – es kam ja schließlich von heiligen Agenturen! Siehe zum Beispiel:
https://www.welt.de/…/Gabriels-Iran-Reise-endet-mit-Affront…

So etwas verletzt mein Sprachgefühl. Und man liest es ständig: Da ist von „weitgehendster“ Übereinstimmung die Rede, oder von „tiefreichenderen“ Gefühlen. Doch kann etwas rangiger, reichender oder gehender sein als etwas anderes? „Hallo Herr Müller, Sie sind ja heute schon wieder viel gehender als gestern – schön zu sehen!“ Läse man so etwas, würden sich einem die Haare auf der Zunge sträuben. Und zu Recht! Denn Dinge oder Zustände können allenfalls tiefer, höher oder weiter sein.
Deshalb klänge gute Sprache so: der „höchstrangige“ Gesprächspartner, die „tieferreichenden“ Gefühle und die „weitestgehende“ Übereinstimmung. Bloß liest man das fast nie.


 

Wer Gefühle managt, steht vor einer großen Karriere

Der Themenschwerpunkt der Herbst-Ausgabe des Fachblatts „Wirtschaftspsychologie aktuell“ trägt den Titel „Gefühle managen“. Einige Schwerpunktthemen lauten:

„Wie Manager Gefühle beeinflussen“

„Gefühle verstehen, aber nicht mitleiden“

„Regeln für die Emotionsarbeit von Mitarbeitern“

„Freundschaften am Arbeitsplatz belasten“

„Stress in der Beziehung behindert die Arbeit“ („Wer Zoff zu Hause hat, arbeitet kürzer. Er braucht mehr Zeit, um die Wogen mit dem Partner wieder zu glätten.“).

Zum letztgenannten Thema hätte Loriot verblüfft geäußert: „Ach was!“

Was lehrt uns das alles, ohne auch nur einen Artikel aus dem Heft gelesen zu haben (dies sei eingeräumt)? Zunächst einmal, dass es nur konsequent ist, nun auch noch unsere oder die Gefühle Anderer zu managen, nachdem ja heute geradewegs alles gemanagt wird. Selbst Hausmeister sind inzwischen Housekeeping oder Facility Manager.

Zweitens, dass man vielleicht noch lieber einen Beitrag darüber lesen würde, wie Gefühle Manager beeinflussen (statt umgekehrt). Und warum man nicht auch mal mitleiden sollte mit emotional bewegten Mitarbeitern, statt ihre Gefühle bloß zu verstehen, ist auch noch so eine Frage.


 

WENN ÄNGSTE PLAGEN, IST MANCHER SICH NUR  UNSICHER

Eine der lustigsten Ängste, von denen ich bisher gelesen habe, ist die „Reichweitenangst“. Gäbe es dieses Wort nicht, müsste man es glatt erfinden.

Von dieser Angst sprach neulich zum Beispiel Fabian Gebauer vom Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie an der Universität Bamberg. Den Begriff verwendete er in einer Presse-Info seiner Uni, die der Frage nachging, warum wohl so wenige deutsche Autofahrer bisher ein Elektro-Auto fahren. „Viele haben vor allem Bedenken, dass das Aufladen von E-Autos sehr lange dauert und so nur begrenzte Strecken gefahren werden können. Man spricht dabei auch von Reichweitenangst“, sagte Gebauer Ende Juli 2016.

Doch schon etliche vor ihm haben diesen merkwürdigen Horror erwähnt. Gerne nutzt ihn die deutsche Presse, die ohne Ängste auf einen Schlag drei Viertel ihrer ohnehin meist schrumpfenden Auflage verlöre. Ob FOCUS, ZEIT oder Deutschlandfunk: Die Reichweitenangst grassiert offenbar.

Die „Saarbrücker Zeitung“ hat am 27. August 2016 die ganze Not der deutschen Autorfahrer in einer Unter-Überschrift auf den Höhepunkt gebracht: „Interessenten plagt Reichweitenangst“. Gemeint sind nicht etwa in Spezialkliniken behandelte Phobiker, sondern seelisch gesunde Menschen, die unsicher sind, ob sie sich ein E-Mobil zulegen sollten statt ihrer Benzinkutsche. Nichts ist für Autofahrer erschröcklicher als das Risiko, zwölf Kilometer vor ihrem Ziel saft- und kraftlos liegenzubleiben. Wie impotent!

Wahrlich eine Plage, sich das auszumalen! Dann doch lieber weiter Sprit verbrennen.


 

WIRKLICH SICHER  – ODER DOCH NUR WAHRSCHEINLICH?

Sicherheit  – ein großes Wort und obendrein ein inniges Bedürfnis vieler Menschen. Doch oft ist gar keine Sicherheit drin, wo Sicherheit draufsteht.

In der Süddeutschen Zeitung vom 23./24. Juli schreiben Axel Börsch-Supan und Friedrich Breyer in ihrem sehr lesenswerten Gastbeitrag zu diversen Renten-Mythen („Die fünf großen Irrtümer der Rentendebatte“) folgenden Satz:

„Aber junge Beitragszahler werden sich mit großer Sicherheit mehr von ihrer Rente leisten können als heutige Rentner, selbst wenn die Geburtenrate so niedrig bleibt wie heute.“

Das ist tröstlich zu hören, auch wenn es an anderen Stellen des Textes ungemütlich wird. Doch Sicherheit gibt es nur voll und ganz, ebenso wie man nicht ein bisschen schwanger sein kann. Die beiden Wissenschaftler meinen vielmehr: „mit großer Wahrscheinlichkeit“. Das klingt dann zwar vage, entspricht aber den Tatsachen. Sicher sollte man sich nur sein, wenn man sich wirklich sicher ist.


 

WAS DER DAX ALLES KANN (13. Juli 2016)

Auf dem Portal der Direktbank ING-Diba werden dem Deutschen Aktienindex gerade mal wieder hellseherische Fähigkeiten unterstellt: „Dax gönnt sich nach jüngster Rally eine Pause“, so lautet die Überschrift über einer Meldung der Finanznachrichten-Agentur dpa-AFX. In der Nachricht selbst heißt es gleich zu Beginn, der DAX habe „nach seiner jüngsten Rally am Mittwoch eine Verschnaufpause eingelegt“.

Offenbar ist zumindest dem Autor dieser Zeilen schon jetzt bekannt, dass der DAX weiter steigen wird, denn vor einem Abstieg wird eher selten verschnauft (obwohl es in den Bergen gute Gründe dafür gibt). Und eine Pause gönnt man sich auch meist dann, wenn man anschließend, mit frischen Kräften, wie zuvor weitermachen möchte. Vorsicht, Anleger, vor solch unhaltbaren Andeutungen! Kein Mensch weiß, was morgen passieren wird. 

 


 

SO FÜRSORGLICH KÖNNEN STREIKS SEIN … (20.Juni 2016)

Wenn verdorbene Milch für Bauchgrimmen sorgt oder Krätzmilben für heftigen Juckreiz, dann klingt das schon ziemlich seltsam. Das soll Sorge sein?

Kurios wird der Einsatz des heiklen Verbs „sorgen für“ aber im folgenden Fall, gefunden in der „Saarbrücker Zeitung“ vom 31. Mai 2016. Dort heißt es unter einem Foto zum Streik des Personals der lokalen Straßenbahn, Saarbahn genannt:

„Der Streik sorgte dafür, dass gestern etliche Saarbahn-Kunden trotz des Regens zu Fuß gehen mussten.“

Da zeigte der Streik seine Fürsorge aber auf sonderbare Weise! Nun gut: Für etwas sorgen bedeutet auch: etwas bewirken oder hervorrufen oder Ursache von etwas sein. Doch es empfiehlt sich, sorgsam mit diesem Verb umzugehen, damit es nicht allzu merkwürdig klingt. Am besten, man verwendet es nur für gute Folgen einer „Sorge“, etwa so:

Er sorgte dafür, dass seine Kinder immer genug zu essen hatten.


VON BESTEHENDEN LÄRMEMISSIONEN (28. Mai 2016)
Wenn es Amtsdeutsch und seinen holprigen Kanzlei-Stil nicht gäbe, müsste man beides glatt erfinden. Es ist immer erhellend zu sehen, dass der beste Deutsch-Unterricht an unseren Schulen außerstande ist, Sätze wie den folgenden zu verhindern (oder bringt er sie den Kindern sogar bei?):

„Dort bestehen aufgrund ausstehender Fahrbahnsanierungen nach wie vor hohe Lärmemissionen.“

Dieser verschrobene Satz stammt aus einer Pressemitteilung der Stadt Saarbrücken vom 27. Mai 2016. Mit „dort“ ist der Abschnitt einer Straße gemeint, in dem weiterhin Tempo 30 gilt, wohingegen auf dem Rest der Straße wieder Tempo 50 gefahren werden kann. Doch was will uns der Satz anderes sagen als:

„Hier muss die Fahrbahn noch saniert werden, weshalb es weiterhin laut bleiben wird.“ Oder auch: „…weshalb dort nach wie vor mit Baulärm zu rechnen ist“.

Es könnte so einfach sein! Schon weil Lärm immer eine Emission ist – ein klassischer Weißer Schimmel oder Doppelmoppel!