SCHÖNE SÄTZE

Wie steigt man ansprechend in eine Geschichte ein? Renate Meinhof machte es wunderbar wie folgt, als sie Ihre Seite Drei in der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) vom 14./15. Januar 2012 so begann:

„Es ist, als sei der Wind müde geworden. Er hat genug getan. Jetzt stäubt er Niesel in Schwaden über die aufgeworfenen Äcker, treibt die Schollen aus Erde im letzten Taglicht zu speckigem Glanz. Er hat das Meer in den Griff genommen, tagelang, dass es schäumte und gierig wegriss, was beweglich war: den Schlamm aus Kreide, die Steine – das Kind. Der Wind hat am Ende auch die Kerzen ausgeblasen, die oben, am Abgang zum Strand stehen, neun Kerzen in Laternen, dazu ein kleines Pferd aus braunem Stoff. Jetzt ist Ruhe. Und jetzt ist keine Ruhe, denn ein Kind ist tot, zehn Jahre alt, die Leiche haben sie nicht finden können.“

Dieselbe Autorin beginnt eine Dritte Seite in der SZ am 30. März 2012 über Professor Maurizio Seracini, der in Florenz, im Palazzo Vecchio, ein verborgenes Gemälde Leonardos unter dem eines anderen Malers freilegen will, ähnlich glänzend so:

„Ein Leichtes ist es, diesen Mann für wahnsinnig zu halten, wie er da steht und mit den Augen die Wand abtastet, als sähe er schon alles vor sich: die schnaubenden, ineinander verkeilten Pferde, die Gesichter der Männer, von Blutgier gezeichnet, in Rachlust verzerrt und bereit zu sterben in jeder Sekunde.“

Und Wolfgang Büscher startet sein Buch „Hartland“ über eine Nord-Süd-Wanderung durchs Zentrum der USA ohne großen Aufwand, gönnt sich an einer Stelle nur einen flatternden Geist, der sonst ja eher zu schweben pflegt (was aber abgegriffen klänge und obendrein zu behäbig):

Im Jahr, als der Winter nicht enden wollte, ging ich nach Amerika hinunter, ein dunkler Punkt in der weißen Unendlichkeit der nördlichen Great Plains, eine Ameise im Schnee. Manchmal sah ich mich so, wenn der Geist sich löste und aufflog und einen Moment über mir flatterte, während die Füße mechanisch weiterstapften. Der einzige Sinneseindruck, der mir versicherte, du bewegst dich, du bist es, der da geht durch die winterliche Prärie, war das Knirschen meiner Schritte im Eis.“

Zum Schluss darf noch Clemens Brenatano sein „Wiegenlied“ vortragen, und er tut dies meisterlich, indem der Dichter die richtigen Wörter (und Worte) wählt, um das Kindlein auch wirklich einzulullen:

 

Singet leise, leise, leise,

Singt ein flüsternd Wiegenlied,

Von dem Monde lernt die Weise,

Der so still am Himmel zieht!

 

Singt ein Lied so süß gelinde,

Wie die Quellen auf den Kieseln,

Wie die Bienen um die Linde

Summen, murmeln, flüstern, rieseln!